Ent-Negativierung des Menschen

Die Bedürfnisse des Menschen

Man kann die Bedürfnisse des Menschen zunächst grob aufteilen – in die organismischen und die zwischenmenschlichen Bedürfnisse.
Die organismischen Bedürfnisse sind die Bedürfnisse nach Nahrung, Schlaf/Regeneration, Sicherheit/Überleben und nach Information.
Die zwischenmenschlichen Bedürfnisse liegen darin, was in der zwischenmenschlichen Bezugnahme nötig und möglich ist, z. B. gesehen werden und Wertschätzung.
Während die organismischen Bedürfnisse unmittelbar überlebensrelevant sind, wirkt sich die unerfüllte zwischenmenschliche Bedürftigkeit nicht unmittelbar lebensbedrohlich für ein Individuum aus, führt aber zu beträchtlichen Störungen, z.B. Depression.
Zu einer Gruppe dazuzugehören war früher allerdings sehr wohl überlebensrelevant und entsprechend wichtig war es, wertvoll und dienlich für andere und die Gruppe zu sein.

Die zwischenmenschlichen Bedürfnisse werden spürbar als Freude (in der Befriedigung) und als Traurigkeit, Angst und Wut (in der Nicht-Befriedigung). Hunger und Schlafmangel werden – neben dem Eindruck des Energiemangels und einem flauen Gefühl in der Magengegend – ebenfalls emotional spürbar: durch die Gereiztheit/->Wut oder auch durch Entspannung/Leichtigkeit/->Freude. Bedürfnisse werden also spürbar durch die vier Emotionen.
Für wen sich das Zwischenmenschliche an welcher Stelle wie stark mit Freude verknüpft und inwiefern Freude überhaupt als Körperreaktion entwickelt wird, hängt von einer komplexen Lernentwicklung ab (siehe Emotionale Entwicklung). Die Entwicklung des „Fühlens“ und sich bewußt Spürens ist die Grundlage dafür, überhaupt „spürbare Bedürfnisse“ zu entwickeln.
So kommt es, dass für manche Menschen die Kommunikation mit anderen Menschen ein Bedürfnis ist und für andere scheinbar nicht.

Beim Menschen spielt das Bedürfnis nach Information eine herausragende Rolle – und dies auch im zwischenmenschlichen Bereich. Das menschliche Gehirn ist informationshungrig und nichts ist potenziell informativer als der zwischenmenschliche Gedanken- und Gefühlsaustausch, wenn er offen und auch stimmig gelingt. Wenn der Gedanken und Gefühlsaustausch jedoch nicht stimmig gelingt, so verknüpft er sich nicht mit Freude und damit Leichtigkeit und Beweglichkeit sondern wird als anstrengend abgespeichert.
Der Körper mit seinen weitverzweigten Nervenbahnen bietet ebenfalls einen ständig verfügbaren Input. Sich selbst bewusst spüren zu können, bedarf jedoch auch einer Entwicklung und sie ist die Grundlage dafür, überhaupt „bei sich“ zu sein und eine Identität aufzubauen.

Wegen der ungeheuren Lernkapazität des Gehirns, wird nur die Vorstellung einer lebenslangen Weiterentwicklung eines Menschen seiner Kapazität tatsächlich gerecht. Menschen brauchen Informationsaustausch und Wahrnehmungsabgleich mit anderen Menschen, um ihr Bild von der Welt und sich selbst immer weiter zu differenzieren, und dies ist dafür erforderlich, um möglichst passend auf die Umgebung und auch die eigenen Emotionen (Wut, Angst, Traurigkeit, Freude) reagieren zu können. Die „Umgebung” sind vor allem andere Menschen, und es gilt, die Bezugnahme mit anderen Menschen möglichst kooperativ, stabil und intensiv zu gestalten. Die Menschen, denen das gelingt, sind besonders freudig und dadurch stressresistent und resilient.

Für die Bezugnahme mit der „Umgebung“ bilden die vier Emotionen das perfekte Grundgerüst, um die körperliche Gestimmtheit des Menschen je nach Bedarf genügend groß (Wut), klein (Angst), weich (Traurigkeit), hart (Wut), weit (Freude), eng (Angst), leicht (Freude), schwer (Traurigkeit), beweglich (Freude), unbeweglich (Angst), langsam (Traurigkeit), schnell (Wut), angespannt (Wut und Angst), locker (Freude), offen (Freude), verschlossen (Angst), Nähe suchend (Traurigkeit), Grenzen bildend (Wut), achtsam/sensibel/fürsorglich (Angst) auszurichten. Erst die volle Verfügbarkeit jeder dieser vier Bewegtheiten ermöglicht die Entfaltung der vollen Lebendigkeit und auch der vollständigen Gefühlsflexibilität. (siehe mein Buch „Die Ent-Negativierung des Menschen“)

Der körperliche Gesamtzustand ist immer in eine emotionale Richtung eingetönt und erzeugt ein beständig vorliegendes Hintergrundbild, welches das Denken und Wahrnehmen maßgeblich beeinflusst. Angst, Wut, Traurigkeit und Freude lenken unsere Wahrnehmung je nachdem bevorzugt auf Gefahr (Angst), in die Weite (Freude), in die Enge (Angst und Wut), auf das Wichtige (Traurigkeit) und auf das Veränderungsnotwendige (Wut). (mehr dazu unter Wahrnehmungsbeeinflussung durch die vier Grundzustände)

Für die emotionale und auch für die kognitive Entwicklung des Menschen ist es essenziell, genügend in diesen Emotionen und ihren Bedeutungen gesehen zu werden. Erst eine differenzierte Wahrnehmung eines Kindes in seinem Denken, Fühlen und Brauchen ermöglicht es diesem, sich selbst genug sehen zu können. Erst, wer sich selbst genug erkennt und spürt, kann lernen, einen Einfluss auf seine Emotionen bzw. auf seinen körperlichen Zustand zu haben und die Emotionen in ihrem Potenzial zu nutzen und in ihren Gefahren zu entschärfen. Die Differenzierung der Wahrnehmung ermöglicht es dem Menschen, seine Umgebung – vor allem die zwischenmenschliche – in ihren Aspekten immer besser zu sehen.

Die Wahrnehmung basiert auf allen Informationen, die einem Menschen zur Verfügung stehen. Mit zunehmenden Erfahrungen, Erinnerungen und damit Gedächtnisinhalten nimmt ein Mensch immer mehr und immer genauer wahr. Je angepasster und ausgefeilter die Wahrnehmung eines Menschen ist, umso „aufmerksamer” und gezielter wird er auch seine Aktionen an die Erfordernisse von Situationen und Aufgaben ausrichten können. Eine Störung von Aufmerksamkeit und Selbststeuerung besteht also in einer mangelhaften Informationslage des Gehirns bzw. eines Menschen bezüglich der Emotionen, aber auch bezüglich spezifischer Fähigkeiten, wie z.B. räumlichem Vorstellungsvermögen.

Der Arbeitsspeicher eines Menschen wird immens belastet, wenn der eigene emotionale/körperliche Zustand und der anderer Menschen nicht eingeordnet werden kann, und damit Informationen anliegen, die nicht eingeordnet werden können und somit den Speicher überfluten und belasten. Man kann sich das wie Unterprogramme vorstellen, die beständig laufen und auch nie geschlossen werden und somit die mögliche Rechenleistung immens verringern. Konzentrationsmangel und Unaufmerksamkeit sind die Folge. Das Gesehen-werden in seinem Denken, Fühlen und Brauchen und eine diesbezügliche Bezugnahme durch Bezugs-Personen bildet deshalb die Entwicklungsgrundlage eines Menschen, und diese Entwicklung hört niemals auf.

Die zwischenmenschlichen Beziehungen bestehen darin, sich gedanklich, emotional und körperlich aufeinander zu beziehen. Eine Bezugnahme erfordert die Offenheit beider Bezugspartner, eine ausreichende Wahrnehmung (Information!) und ein Verstehen eines Gegenübers in seinen Gedankengängen und seinem körperlichen (emotionalen) Zustand. Ein Mit-Fühlen erfordert einen wohlwollenden Blick gegenüber den Emotionen Freude, Traurigkeit, Wut und Angst. Nur derjenige, der diese Emotionen von sich selbst kennt und diese auch begrüßt und nicht ablehnt, ist bereit, mit der entsprechenden Emotion eines Gegenübers mitzuschwingen.
Je besser nun Menschen gedanklich, emotional und körperlich aufeinander eingehen, umso näher kommen sie sich auch. Man kann entsprechend zwischen gedanklicher Nähe, emotionaler Nähe und körperlicher Nähe unterscheiden. Die Offenbarung von Gedanken und die Teilhabe an diesen stellt eine gedankliche Intimität dar und erfordert große Offenheit. Das Mit-Fühlen bzw. die emotionale Nähe stellt ebenfalls eine Intimität dar.
Eine körperliche – zärtliche und sexuelle – Intimität steht vom Informationsgehalt her deutlich unter den Möglichkeiten von gedanklicher und emotionaler Intimität. Emotionale und gedankliche Intimität gehen ineinander über und durchdringen sich gegenseitig. Gedankliche und emotionale Nähe entsteht bei sehr guter wechselseitiger Bezugnahme. Dies kann auch als sehr gelingender Informationsaustausch beschrieben werden, der von beiden Seiten als befriedigend oder sogar erfüllend erlebt wird. Spürbar wird dies als Freude. Die folgenden drei Punkte fokussieren den emotionalen Entwicklungsbedarf:

  1. Gesehen werden in den Emotionen, darin Mit-Gefühl erfahren und positive Rückmeldung bekommen – dadurch vollständige Entwicklung der Emotionen, um diese zwischenmenschlich und auch sonst voll zur Verfügung zu haben. Erst, wenn die Emotionen zur Verfügung stehen, haben wir den größtmöglichen emotionalen Einfluss, um erfolgreich Beziehungen zu gestalten.
  2. Gesehen werden im Bedürfnis nach Nähe/Bindung/Beziehung und gesehen werden auch in dem entgegengesetzten Bedürfnis nach Distanz/Selbstständigkeit/Freiraum. Daraus entwickelt sich Bindungssicherheit. Bindungssicherheit zeigt sich in einer Wahrnehmungsfähigkeit von Beziehungsangeboten und einem freudigen Eingehen darauf, also einem breiten Freudezustand des ganzen Körpers mit dem Hauptcharakteristikum von Freude: der Wahrnehmungsoffenheit (Freude als Sinnesorgan für Beziehung).
  3. Gesehen werden in seinen kognitiven Fähigkeiten und dafür Anerkennung bekommen. Bei optimaler „Passung“ entwickelt sich eine Wahrnehmungsfähigkeit für Anerkennung und ein freudiges Annehmen von Lob/Anerkennung, worin wiederum das Potential liegt, eine maximal ausgeformte wahrnehmungsoffene Freude auszubilden (Freude als Sinnesorgan für Anerkennung).

Die vier Emotionen sind die grundlegenden menschlichen Verhaltensaktivatoren, und es ist erforderlich, dass jede einzelne Emotion genügend zur Verfügung steht, damit wir bei Bedarf z. B. genügend weich oder genügend hart auftreten.
Das Vorherrschen einer Emotion (z. B. Angst) oder die Nicht-Verfügbarkeit einer Emotion (z. B. Freude) bewirkt, dass ein Mensch nicht mehr flexibel und nach Erfordernis reagieren kann.
Die Emotionen sind die entscheidenden Beziehungswerkzeuge, und wenn es uns nicht gelingt, diese in ihrem Potenzial zu nutzen und in ihren Gefahren zu entschärfen, so scheitert die Bezugnahme.
Die Folge von Beziehungslosigkeit oder schlechter Beziehung ist Antriebslosigkeit und Sinnlosigkeit. Dies wird gemeinhin als Depression bzw. Burn-out bezeichnet. Die Folge einer mangelhaften Selbstwahrnehmung/Bewusstheit der Emotionen resultiert in unzureichender Selbstregulation, was wiederum weitreichende Folgen hat: Angststörung, Zwangsstörung, Borderline, Essstörung, Schlafstörungen, wie zufrieden/freudig ein Mensch bei sich ist und an anderen Anteil nehmen kann, usw. Die emotionale Entwicklung ist also die zentrale Notwendigkeit, um psychische Störungen zu vermeiden.
Wir brauchen emotionale Entwicklung für unsere Identität, für das Selbstwertfreudegefühl, für die Beziehungsgestaltung, für unsere Selbstregulation und um die Erfülltheit oder Nichterfülltheit unserer Bedürfnisse zu spüren. Die Emotionen stellen vier unterschiedliche grundlegende Bewegtheiten bereit. Durch sie können wir etwas spüren.
Wut, Angst, Traurigkeit und Freude machen uns lebendig und es ist deshalb fatal, wenn Psychopharmaka auf deren Einebnung abzielen.
Die Emotionen haben omnipotente Bedeutungen und deshalb ist die emotionale Entwicklung jedes Menschen grundlegend wichtig. Emotionale Nichtentwicklung führt zu dem, was als psychische „Störung“ bezeichnet wird aber richtiger bezeichnet wäre als „gestörte“ Entwicklung.

Sie werden nirgends sonst Informationen finden, die denen dieser Seite auch nur annähernd in ihrer Komplexität und ihrem Bedeutungsgehalt entsprechen. Niemand weiß, was hier und noch ausführlicher in meinem Buch steht. Studieren Sie! Überprüfen Sie alles, was Sie bisher gedacht haben, vor allem ihre Bewertungen des Fühlens und Brauchens!
Geben Sie dann das Wissen weiter. Das Unwissen der Menschheit ist beschämend.